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11-2016

Messungen, Modelle und eine Sicherheitsmarge

Professor Daniel Hunkeler ist Geochemiker und seit 2001 Forschungsleiter an der Universität Neuenburg. Seit 2009 ist Hunkeler Professor für Hydrogeologie mit Schwerpunkt Schadstoffe. Mit seiner Expertise steht er dem Kanton Jura im Sanierungsprojekt Bonfol zur Seite.

Herr Hunkeler, was tun Hydrogeologen eigentlich?

Wir Hydrogeologen befassen uns mit dem Wasser, das nicht sichtbar ist, weil es im Untergrund fliesst: Unser Ziel ist, die gute Qualität und die Quantität des Grundwassers zu erhalten. Man muss nämlich wissen, dass in der Schweiz rund 80 Prozent des Trinkwassers aus dem Untergrund stammen. Das heisst: Wenn wir uns heute nicht gut um das Grundwasser kümmern, bestrafen wir die nächste Generation.

Wie erforscht man Wasser, das unterirdisch fliesst?

Der Zugang zum Forschungsobjekt ist natürlich schwierig: Wir müssen in den Untergrund bohren, um Messstellen einzurichten. Häufig arbeiten wir mit indirekten Verfahren, etwa mit elektrischen Signalen, die in den Boden gesendet werden. Je nachdem, wie diese Signale an Messstellen ankommen, kann man ableiten, wie der Boden und der Wasserträger wohl beschaffen sind. Häufig geben diese Verfahren aber nur ein unscharfes Bild. Daher ist es wichtig, verschiedene Methoden klug zu kombinieren. Wir arbeiten auch viel mit mathematischen Modellen, gerade für Voraussagen in die Zukunft. Wenn verschiedene Messungen und die Modellierung zueinander passen, hat man ein plausibles Ergebnis.

Wie kommt es, dass Sie den Kanton Jura beraten?

Unsere moderne Gesellschaft verwendet mehr als 10‘000 unterschiedliche chemische Substanzen; ein Teil davon kann der Umwelt schaden. Uns Hydrogeologen geht es darum, solche Schäden von Beginn an zu vermeiden oder bestehende Probleme zu lösen. Die Zusammenarbeit mit den Behörden spielt dabei eine wichtige Rolle. Beispielsweise bietet die Universität Neuenburg in Zusammenarbeit mit dem BAFU eine Weiterbildung zum Thema „Altlasten“ an. Als öffentliche Universität fühlen wir uns dazu verpflichtet, öffentliche Stellen wie die eidgenössischen oder kantonalen Behörden mit unserer Expertise zu unterstützen.

Was war Ihr Beitrag zum Sanierungsprojekt in Bonfol?

Zusammen mit den Kollegen Peter Grathwohl der Universität Tübingen und Pierre Perrochet aus Neuenburg habe ich 2004 im Auftrag des Kantons das Sanierungsprojekt und insbesondere die Festlegung der Sanierungsziele überprüft. Das war eine ziemlich grosse Herausforderung, denn es gab Unsicherheiten bezüglich des Schadstoffgemisches und den Bedingungen im Untergrund; wir haben das eingereichte Sanierungsprojekt kritisch hinterfragt, weitere Detailinformationen eingefordert, das Grundwassermodell überprüft und die Grundwasserbarriere evaluiert. Besonderes Augenmerk galt der Überprüfungsmethode für das Erreichen der Sanierungsziele. Weiterhin wussten wir, dass sandige Zonen im tönernen Deponiesaum, so genannte „Sandlinsen“, mehr oder minder stark durch Schadstoffe verschmutzt sind.

Was war in Bonfol wichtig?

Generell sind drei Faktoren relevant bei der Beurteilung des Risikos für die Umwelt. Erstens das Schadstoffpotenzial: Wie toxisch ist eine Substanz und wie viel davon liegt vor? Zweitens das Freisetzungspotenzial: Wie leicht können die Stoffe in die Umwelt gelangen? Und drittens stellt sich die Frage nach den Schutzgütern: Wie verbreiten sich freigesetzte Schadstoffe, beispielsweise im Wasser oder der Luft? Im Fall der Deponie Bonfol hat die bci Betriebs-AG bereits früh entschieden, dass das Schadstoffpotenzial durch Aushub entfernt werden soll. Das ist aber nicht selbstverständlich, in anderen Fällen wird eher versucht, die Freisetzung der Schadstoffe zu verhindern. In vielen Ländern ist dieser Ansatz gängige Praxis.

Hat es aus Ihrer Sicht böse Überraschungen gegeben?

Nein, die meisten Annahmen waren sogar erstaunlich exakt. Das Büro BMG/Arcadis hatte im grundlegenden Konzept modelliert, wie wohl die Schadstoffe im Ton verteilt sind. Ausserdem hatte das Ingenieurbüro einzelne Substanzen definiert, welche für die Deponie Bonfol besonders wichtig sind, weil sie besonders gefährlich oder besonders mobil sind. Wir haben das Konzept überprüft und, wo nötig, Veränderungen gefordert. Die Wasser- und Bodenproben haben unsere damaligen Hypothesen bestätigt.

Nun ist der Abfallaushub beendet. Wie ist Ihr Urteil?

Das Projekt ist eine Erfolgsgeschichte für konstruktive Zusammenarbeit. Mit dem Aushub der Abfälle und dem Abtrag des kontaminierten Tons ist das Schadstoffpotenzial entfernt worden. Selbst wenn vielleicht gesamthaft noch einige Kilogramm Schadstoffe als Spuren in der Grube verbleiben, stellen diese kein Risiko mehr da. Bei unserer Beurteilung des Risikos haben wir die Messergebnisse und Modelle bestmöglich kombiniert sowie eine Sicherheitsmarge einberechnet. Bei den sandigen Zonen im Deponiesaum hingegen sind sich alle einig, dass die noch untersucht und wenn nötig behandelt werden sollten.


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» Die Wiederaufforstung hat bereits begonnen
» Mit dabei: Maschinenführer bei Marti-Züblin

11-2016

Messungen, Modelle und eine Sicherheitsmarge

Professor Daniel Hunkeler ist Geochemiker und seit 2001 Forschungsleiter an der Universität Neuenburg. Seit 2009 ist Hunkeler Professor für Hydrogeologie mit Schwerpunkt Schadstoffe. Mit seiner Expertise steht er dem Kanton Jura im Sanierungsprojekt Bonfol zur Seite.

Herr Hunkeler, was tun Hydrogeologen eigentlich?

Wir Hydrogeologen befassen uns mit dem Wasser, das nicht sichtbar ist, weil es im Untergrund fliesst: Unser Ziel ist, die gute Qualität und die Quantität des Grundwassers zu erhalten. Man muss nämlich wissen, dass in der Schweiz rund 80 Prozent des Trinkwassers aus dem Untergrund stammen. Das heisst: Wenn wir uns heute nicht gut um das Grundwasser kümmern, bestrafen wir die nächste Generation.

Wie erforscht man Wasser, das unterirdisch fliesst?

Der Zugang zum Forschungsobjekt ist natürlich schwierig: Wir müssen in den Untergrund bohren, um Messstellen einzurichten. Häufig arbeiten wir mit indirekten Verfahren, etwa mit elektrischen Signalen, die in den Boden gesendet werden. Je nachdem, wie diese Signale an Messstellen ankommen, kann man ableiten, wie der Boden und der Wasserträger wohl beschaffen sind. Häufig geben diese Verfahren aber nur ein unscharfes Bild. Daher ist es wichtig, verschiedene Methoden klug zu kombinieren. Wir arbeiten auch viel mit mathematischen Modellen, gerade für Voraussagen in die Zukunft. Wenn verschiedene Messungen und die Modellierung zueinander passen, hat man ein plausibles Ergebnis.

Wie kommt es, dass Sie den Kanton Jura beraten?

Unsere moderne Gesellschaft verwendet mehr als 10‘000 unterschiedliche chemische Substanzen; ein Teil davon kann der Umwelt schaden. Uns Hydrogeologen geht es darum, solche Schäden von Beginn an zu vermeiden oder bestehende Probleme zu lösen. Die Zusammenarbeit mit den Behörden spielt dabei eine wichtige Rolle. Beispielsweise bietet die Universität Neuenburg in Zusammenarbeit mit dem BAFU eine Weiterbildung zum Thema „Altlasten“ an. Als öffentliche Universität fühlen wir uns dazu verpflichtet, öffentliche Stellen wie die eidgenössischen oder kantonalen Behörden mit unserer Expertise zu unterstützen.

Was war Ihr Beitrag zum Sanierungsprojekt in Bonfol?

Zusammen mit den Kollegen Peter Grathwohl der Universität Tübingen und Pierre Perrochet aus Neuenburg habe ich 2004 im Auftrag des Kantons das Sanierungsprojekt und insbesondere die Festlegung der Sanierungsziele überprüft. Das war eine ziemlich grosse Herausforderung, denn es gab Unsicherheiten bezüglich des Schadstoffgemisches und den Bedingungen im Untergrund; wir haben das eingereichte Sanierungsprojekt kritisch hinterfragt, weitere Detailinformationen eingefordert, das Grundwassermodell überprüft und die Grundwasserbarriere evaluiert. Besonderes Augenmerk galt der Überprüfungsmethode für das Erreichen der Sanierungsziele. Weiterhin wussten wir, dass sandige Zonen im tönernen Deponiesaum, so genannte „Sandlinsen“, mehr oder minder stark durch Schadstoffe verschmutzt sind.

Was war in Bonfol wichtig?

Generell sind drei Faktoren relevant bei der Beurteilung des Risikos für die Umwelt. Erstens das Schadstoffpotenzial: Wie toxisch ist eine Substanz und wie viel davon liegt vor? Zweitens das Freisetzungspotenzial: Wie leicht können die Stoffe in die Umwelt gelangen? Und drittens stellt sich die Frage nach den Schutzgütern: Wie verbreiten sich freigesetzte Schadstoffe, beispielsweise im Wasser oder der Luft? Im Fall der Deponie Bonfol hat die bci Betriebs-AG bereits früh entschieden, dass das Schadstoffpotenzial durch Aushub entfernt werden soll. Das ist aber nicht selbstverständlich, in anderen Fällen wird eher versucht, die Freisetzung der Schadstoffe zu verhindern. In vielen Ländern ist dieser Ansatz gängige Praxis.

Hat es aus Ihrer Sicht böse Überraschungen gegeben?

Nein, die meisten Annahmen waren sogar erstaunlich exakt. Das Büro BMG/Arcadis hatte im grundlegenden Konzept modelliert, wie wohl die Schadstoffe im Ton verteilt sind. Ausserdem hatte das Ingenieurbüro einzelne Substanzen definiert, welche für die Deponie Bonfol besonders wichtig sind, weil sie besonders gefährlich oder besonders mobil sind. Wir haben das Konzept überprüft und, wo nötig, Veränderungen gefordert. Die Wasser- und Bodenproben haben unsere damaligen Hypothesen bestätigt.

Nun ist der Abfallaushub beendet. Wie ist Ihr Urteil?

Das Projekt ist eine Erfolgsgeschichte für konstruktive Zusammenarbeit. Mit dem Aushub der Abfälle und dem Abtrag des kontaminierten Tons ist das Schadstoffpotenzial entfernt worden. Selbst wenn vielleicht gesamthaft noch einige Kilogramm Schadstoffe als Spuren in der Grube verbleiben, stellen diese kein Risiko mehr da. Bei unserer Beurteilung des Risikos haben wir die Messergebnisse und Modelle bestmöglich kombiniert sowie eine Sicherheitsmarge einberechnet. Bei den sandigen Zonen im Deponiesaum hingegen sind sich alle einig, dass die noch untersucht und wenn nötig behandelt werden sollten.




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